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... Jahre wäre sie heute geworden.
Sie war schon für mich da, als ich ein ganz kleines Baby war. Sie machte sich Sorgen um mich, ganz viele Jahre lang, weil sie einmal nicht aufgepasst hatte und ich aus dem Kinderwagen fiel. Und war dann stolz auf mich, als sie feststellte, dass ich offensichtlich keinen Schaden genommen hatte ;-).
Oft verbrachte ich meine Ferien bei ihr. Immer, wenn sie mich ansah, lächelte sie. Zumindest kann ich mich nicht mehr an etwas anderes erinnern. Und ihr Lächeln schaute auch aus ihren kleinen Augen. Manchmal war es ein verschmitztes Lächeln, wenn sie aus ihrer Jugendzeit erzählte, von dem Burschen, den sie gern hatte und jenem anderen, den sie hätte heiraten sollen, damit sie finanziell ausgesorgt hätte.
Aber sie hat aus Liebe geheiratet. Ihr Mann starb in den letzten Tagen des Krieges, ließ sie mit drei Kindern zurück, wovon eines gerade erst geboren war und seinen Vater niemals kennenlernte. Aber sie schaffte es, ihre Kinder großzuziehen, sie wurde sehr alt und durfte sogar Ururenkel kennenlernen.
Ich erinnere mich an einen runden Geburtstag (der 85. muss es gewesen sein), zu dem der Bürgermeister kam, und die gesamte Familie versammelt war. Damals dachte ich - wie schön ist es, wenn die gesamte Familie zusammenkommt, um den Geburtstag einer alten Dame zu feiern, ihrer Mutter, Oma, und Uroma. Damals dachte ich, wenn ich einmal alt bin, möchte ich es auch so haben. Damals entstand mein Wunsch nach Kindern.
Ein Kind ist es geworden, mehr wird es leider nicht geben. Und ob ich mal so alt werde wie meine geliebte Oma M., steht in den Sternen. Fast hat sie die 99 erreicht.
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Wie ein Kind über das Sterben nachdenkt
Heute morgen waren mein Sohn und ich allein, und er erzählte. Er war mit Opa auf dem Südfriedhof, wo meine Großeltern, die Eltern von meinem Papa begraben sind. Mein Papa muss wohl ausführlich mit ihm darüber gesprochen haben, denn mein Sohn erzählte sehr detailliert davon. Dass die Eltern seines Opas da liegen, dass sie in Urnen begraben sind, dass sie verbrannt wurden. Und dass Opa und sein Bruder auch da begraben werden, wenn sie irgendwann mal sterben.
Die Idee mit dem Verbrennen schien ihn mächtig zu beschäftigen. Er fragte mich, ob ich auch verbrannt werde, wenn ich mal sterbe. Ich sagte, das habe ich noch nicht entschieden. Und wenn ich es zu meinen Lebzeiten nicht entscheide, sagte ich, dann wäre er oder sein Vater (wenn mein Mann dann noch lebt) derjenige, der bestimmen dürfe, wie ich unter die Erde komme.
Eike sagte, er will nicht, dass ich verbrannt werde, er möchte, dass ich in einen großen Sarg komme.
Irgendwie kam er auf die Idee, man könne ja einen Verstorbenen wieder ausbuddeln (wenn er eben nicht verbrannt wurde). Ich sagte, das dürfe man nicht tun. Es steht im Gesetz, dass man die Ruhe der Verstorbenen nicht stören darf. Mein Sohn wandte ein, dass die doch tot seien und eh nichts mehr hören können. Ja, das stimmt zwar, sagte ich, aber bedenke mal, die Angehörigen haben die Verstorbenen ja sehr geliebt, haben mit ihnen gelebt, und man sagt ja, dass der Körper stirbt, aber die Seele noch da ist. Mein Sohn sagte, die Seele geht doch hoch in den Himmel. Und dann sagte er ganz bestimmt: dann gibt es ja doch Geister, das sind die Seelen der verstorbenen Menschen. Wir müssten mal unbedingt bis Mitternacht aufbleiben, um sie zu sehen. Ich sagte, ich sei schon oft Mitternacht wach gewesen, aber ich habe nie einen Geist gesehen.
Dann sagte er, er hätte schon mal einen gesehen. Da sei er nachts wach geworden. Ich fragte ihn, wie der denn ausgesehen habe. So weiß und unten zackig. Ich fragte ihn, ob er da Angst bekommen hätte. Nein, sagte er, das war ein netter Geist.
Ich erzählte ihm von der Idee, dass die Seele eines Verstorbenen in einem neuen Menschen wiedergeboren werden könnte. Da meinte er, das ginge ja gar nicht, die Seele wird doch mit geboren und wächst mit. Wenn da die Seele
eines verstorbenen Erwachsenen in einem Baby auftauche, wäre das ja gleich ganz groß!
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Im Wandel der Generationen
Seit kurzem hat mein Sohn auch Internet. Er ist noch nicht in der Schule, kann noch nicht lesen, aber er hat schon Internet.
Ich erinnere mich noch genau, ich war 22 Jahre alt, als ich meinen ersten Rechner hatte - einen Atari 800 XE. Schon die graue Version, nicht die braune. Damals meinte meine Mutter: Wozu? Das braucht man nicht!
Heute verdiene ich mit dem Computer mein Geld.
Was wird wohl mein Sohn später einmal alles tun, wovon ich heute glaube, dass man es nicht braucht?
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Gehirnwäsche
Ich geb ja zu, der Titel ist etwas provokativ. Aber er trifft es ziemlich gut.
Sätze, die man (s)einem Kind niemals sagen sollte:
  • "Das machst du immer falsch!"
  • "Das wirst du nie lernen!"
  • ... tbc
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Verknüpft
Auf einem Fußmarsch von der Autowerkstatt nach Hause bei Kälte und strahlendem Sonnenschein: das Geräusch der Stiefel auf dem Untergrund, der kalt-feuchte Geruch der Sträucher, das Zwitschern der Vögel ließen Erinnerungsfetzen hochkommen. Aus der Kindheit, als ich noch keinen Führerschein hatte, noch kein Auto und noch nicht so bequem war wie heute.
Ich sollte häufiger mal zu Fuß gehen.
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Habe einen Brief bekommen
Meine Hausärztin hat eine neue Praxis übernommen, in einem anderen Ort. Allen ihren Patienten hat sie einen Brief geschrieben, in dem sie ihre Gründe für ihren Schritt darlegt. Ich kann sie sehr gut verstehen, obwohl ich ein wenig traurig darüber bin - daher überlege ich noch, ob ich nicht weiterhin zu ihr gehen sollte. Aber es ist schon ein Unterschied, wenn man 20 km in die nächste Stadt fahren muss, anstatt hier am Ort zum Arzt zu gehen.

Dem Brief beigefügt war ein Zitat von André Gide, in dem er die Krankheit als Schlüssel bezeichnet.
Ich frag mich dabei allerdings immer, welche Wahrheit mir verschlossen bleibt bei dem Lebensweg, den ich nehme. Ich werde es nie wissen. Durch meine Krankheit habe ich viele neue Wahrheiten kennengelernt, und ich bin dankbar dafür. Es sind eben jene, zu denen ich den Schlüssel gefunden habe.
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Frohe Weihnachten
Ich wünsche allen treuen Lesern meines Blogs ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest! Mögen Eure Wünsche in Erfüllung gehen und viel Gesundheit und Glück Euch beschieden sein.
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Climax
Wie stellt man fest, ob man den Höhepunkt des Lebens schon erreicht hat? Wann wird es Zeit umzukehren und sich jenen Dingen zu widmen, die man bisher vernachlässigt hat?
Ich habe vor vielen Jahren schon mal gedacht, wenn ich in diesem Augenblick sterben würde, dann ist es auch gut. Ich will damit sagen: Ich habe nichts versäumt. Jedenfalls nichts, was ich vermissen würde.
Jetzt sehe ich das durchaus anders. Ich habe eine Familie. Ich habe einen Sohn, der nächstes Jahr in die Schule kommt. Wenn ich jetzt sterben würde, würde ich ein großes Loch in meine Familie reißen. Mein Kind braucht mich - und ich empfinde plötzlich ein neues Gefühl - ein neuer Aspekt der Mutterliebe. Natürlich habe ich mein Kind schon immer geliebt, und natürlich bringt mich mein Kind hin und wieder auch mal zum Wahnsinn. Aber dieses neue Gefühl ist anders. Ich kann es noch gar nicht in Worte fassen.
In den letzten 10 Monaten wurde ich aufgefangen und gehalten in der Familie. Ohne sie hätte ich angesichts der Krebsdiagnose das Handtuch geworfen. Meine Familie ist mir wichtiger denn je geworden, und meine Ziele haben jetzt einen anderen Fokus.
Ich möchte meinem Kind einen Halt geben, ich möchte es begleiten, ich möchte da sein. Das halte ich für die wichtigste Investition in die Zukunft. Gerne hätte ich jetzt noch ein weiteres Kind gehabt, aber das geht nun nicht mehr.
Meine berufliche Zukunft ordne ich dem unter. Es wird finanzielle Konsequenzen haben, aber wir werden einen Weg finden.
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Freitag, der 13.
Schon gemerkt? Heute ist Freitag, der 13. Nein, ich bin eigentlich nicht abergläubisch. Immerhin habe ich an einem solchen Freitag, einem 13., geheiratet, und bin seit mehr als 10 Jahren glücklich mit meinem Mann. Ich verbinde mit Freitag, dem 13., immer Positives wie zum Beispiel erfolgreich geschriebene Klausuren - damals in der Schule.
Heute morgen habe ich außerdem einen Schornsteinfeger in schwarzer Montur gesehen. Nein, angefasst habe ich ihn nicht, obwohl das ja Glück bringen soll.
Dann habe ich heute einen Anruf bekommen, aus einer Firma, bei der ich mich schon vor einem Dreivierteljahr beworben hatte, aber die Stelle nicht bekommen konnte, weil ich ja erst gegen den Krebs kämpfen musste. Nicht zu fassen! Man telefoniert hinter mir her - sollte mir das zu denken geben? Und warum habe ich immer das Gefühl, irgendwas verdaddelt zu haben? Denn der gute Mensch hatte mich auch schon im März angerufen und sich nach meinem Stand der Genesung erkundigt. Damals hatte ich gerade einen neuen PC gekauft und das E-Mail-Konto noch nicht eingerichtet, das ich immer für berufliche Zwecke benutzt habe. Diesmal habe ich ein neues Stellenangebot in der Zeitung übersehen. Wie blöd kann man eigentlich sein? Welchen Eindruck habe ich da wohl hinterlassen? Habe ich all die gute Arbeit, die ich geleistet habe, schon zunichte gemacht?
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Gerade und verschlungene Wege
In der Tumorgesprächsgruppe sollte jeder von uns aus einem Haufen Ansichtskarten eine für sich selbst passende auswählen und sich kurz vorstellen und sagen, was uns an dem gewählten Bild anspricht. Es waren ganz verschiedene Bilder dabei. Leider mussten wir die Karten wieder zurückgeben, daher kann ich hier nur eine Beschreibung der von mir gewählten Karte liefern:
Man stelle sich ein Rapsfeld vor, strahlend gelb. Darüber ein strahlend blauer Himmel völlig wolkenlos. Durch das Rapsfeld führte ein Feld-Weg direkt zum Horizont. An der Seite stand ein einzelner Baum.
Als ich das Bild in die Hand nahm, wusste ich nicht wirklich wieso. Es war einfach ein Gefühl. Erst als ich später dazu etwas sagte, fiel mir auf, dass das Bild eine Klarheit ausdrückte. Ein klarer Himmel. Klare Farben, die positive Stimmung ausdrückten. Ein Weg ins Ungewisse zum Horizont.
Die Psychologin sagte zudem: aber auch ein schnurgerader Weg ist es....
Vielleicht ist es das, was ich mir wünsche, ein klarer Weg, ein direkter Weg aufs Ziel. Doch oft genug sind die Wege verschlungen.
Passend zum Thema haben sich vor einigen Tagen meine Haare angefangen zu kringeln. Nicht zu fassen! Dabei sagte noch die Ärztin in der Strahlentherapie, meine Haare würden glatt bleiben, und ich war selbst davon überzeugt, sie bleiben glatt. Es ist eben nicht alles gerade, manchmal geht das Leben krumme Wege. Ich bin gespannt, wo sie mich hinführen....
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