Das neue Jahr
eikesmom, Mittwoch, 4. Januar 2006, 23:31
Silvester habe ich sehr ruhig und unspektakulär im Kreise der Familie verbracht. Ich bin froh, dass das alte Jahr vorbei ist. Es war kein gutes Jahr für mich. Nun will ich nach vorn blicken und habe mir fest vorgenommen, dass das neue Jahr besser wird. Kann ja eigentlich nur besser werden!
Eike wollte noch eine Woche Ferien bei der Oma machen. Am 2. Januar fuhren wir zwei also die 200 km-Strecke. Ich blieb eine Nacht bei meiner Mutter. Der Abschied von meinem Kind am nächsten Tag fiel mir schwer. Das erste Mal so weit weg von zuhause sollte ich ihn lassen? Aber die Tränen waren schnell getrocknet, sowohl bei mir als auch bei ihm - wie meine Mutter mir später am Telefon sagte. Eike und ich telefonierten jeden Tag miteinander.
Am 4. Januar fuhren mein Mann und ich erst zum Frauenarzt, um die Überweisung fürs Krankenhaus zu holen. Ich bekam auch gleich einen gelben Schein bis Ende Januar ausgestellt. Es ist ein komisches Gefühl: Man fühlt sich eigentlich gar nicht krank, ich habe keine Schmerzen, ich habe ausnahmsweise mal keinen Infekt, und nun kriege ich einen gelben Schein für fast einen Monat! Und mit der Aussage, dass der auch weiter verlängert werden wird.
Im Krankenhaus untersuchte mich eine sehr junge Ärztin. Sie erklärte mir zuerst, was bei der Operation gemacht wird. Wenn der Tumor klein genug ist, könne man das Wächterlymphknotenverfahren anwenden. Hierzu wird der erste Lymphknoten radioaktiv markiert, und wenn er nicht von Krebszellen befallen ist, dürfen die Lymphknoten drin bleiben und nur der Tumor wird entfernt. Im Ultraschall zeigte sich allerdings nun neben dem Tumor noch eine andere Stelle, und zusammen genommen war der Bereich zu groß für das Verfahren. Also müssen auch Lymphknoten bei mir entfernt werden. Der OP-Termin wurde auf den 10. Januar festgesetzt. So bald schon! Aber es ist gut so, wer weiß, wie sehr ich noch ins Grübeln komme, wenn es noch länger gedauert hätte!
Dann wurde mir noch Blut und Urin abgenommen, und zum Schluss gab es noch ein Gespräch mit einer Case-Management-Beraterin. Eine sehr freundliche, liebe Frau, die uns nochmal alles zusammenfassend erklärte. Wie schon vor Weihnachten beim Frauenarzt erzählte mein Mann von dem Verlust meines Arbeitsplatzes. Ich hätte das gar nicht erzählt, weil ich daran gar nicht mehr dachte. Ich habe das so sehr verdrängt, es war überhaupt gar nicht mehr wichtig für mich. Schien es zumindest. Denn als das zur Sprache kam und zusätzlich zu meiner Krankheit in die Waagschale geworfen wurde, wurde es zu schwer. Ich kämpfte die Tränen zurück, schaffte es nicht, bekam ein Taschentuch. Sie sagte, ich darf ruhig weinen.
Ich habe nur Angst, ich kann gar nicht mehr aufhören, wenn es einmal losgeht....
Weihnachten 2005
eikesmom, Montag, 26. Dezember 2005, 23:30
An Heilig Abend erwarteten wir Besuch von meinen Schwiegereltern und meiner Schwägerin. Und außerdem sollte ein Weihnachtsmann die Geschenke für unseren Sohn bringen.
Ich begann schon nachmittags um vier mit den Vorbereitungen für das Essen. Ich dachte mir, dann kann ich das in Ruhe zu Ende bringen, es kommt keine Hektik auf, und ich war beschäftigt. Ich war völlig vertieft und vergaß alles um mich herum. Pünktlich, genau in dem Moment, als der Weihnachtsmann ans Fenster klopfte, war ich fertig. Das Essen konnte in den Ofen geschoben werden.
Es gab Unmengen an Geschenken. Mein kleiner Spatz ließ sich Zeit beim Auspacken - in dem Tempo würde er um Mitternacht noch nicht fertig sein! *lach* Die gerade ausgepackten Spielsachen waren ja auch so spannend, dass er erstmal spielen musste.
Ich war froh, nicht mehr so im Mittelpunkt zu stehen. Meine Krankheit war an diesem Abend kein Gesprächsthema, und das war gut so.
So langsam fing ich an, mich mit dem auseinanderzusetzen, was auf mich zukommen sollte. Nachdem ich anderen davon erzählte, bekam ich mit, wieviele betroffene Frauen es gibt. Das hätte ich nicht gedacht! Ungefähr 8 bis 10 Prozent aller Frauen bekommen in ihrem Leben Brustkrebs! Das ist viel, finde ich. Aber die Heilungschancen sind auch sehr gut, wenn es früh erkannt wird. Doch meist erfuhr ich von Freundinnen, dass ihre Mütter betroffen seien. Sie erzählten mir, wie es ihnen ergangen ist, und so langsam wurde ein Weg sichtbar, den ich gehen konnte.
Ich informierte mich im Internet. Für mich ist es wichtig, dass ich genau dann die Antworten bekomme, wenn ich das möchte. Wenn ich einen Termin beim Arzt habe, muss ich meine Fragen zu einem bestimmten Zeitpunkt parat haben. Manchmal brauchen Informationen Zeit, bis sie wirken, manchmal lösen sie bei mir aber auch sofort viele weitere Fragen aus, so dass es sein kann, dass ich mich Stunden mit dem Thema beschäftige. Soviel Zeit hat ein Arzt im allgemeinen nicht. So sitze ich abends stundenlang am PC und lese und lerne. Und je mehr ich wusste, desto sicherer fühlte ich mich.
Der erste Tag nach der Diagnose
eikesmom, Freitag, 23. Dezember 2005, 23:28
Den Alltag meisterte ich mehr oder weniger mechanisch. Ich verdrängte den Gedanken an Krebs, wollte ihn einsperren in eine kleine Kiste und diese dann im hintersten Winkel des Schranks verstecken. Ich wollte einfach mein Leben wieder haben, wie es vorher war. Ich verschloss meine Gefühle sorgsam, doch immer, wenn ich nachdenkliche Liedtexte hörte, wenn ich ein Gedicht las oder irgendetwas anderes, was das Gefühl ansprach, kam es hoch. Mir kamen die Tränen. Vor allem abends vor dem Einschlafen. Mein Mann nahm mich in die Arme und sagte, wir schaffen das schon. Er sagte, er habe mich geheiratet und geschworen, zu mir zu stehen, in guten und in schlechten Zeiten.
Er begleitete mich nun auch zum Röntgen der Lunge. Es ging recht schnell. Wieder war es kurz vor Mittag und damit kurz vor Schließung der Praxis. Ich vermute, sie haben den Termin deshalb nochmal um eine Stunde nach hinten verschoben, damit ich die letzte Patientin bin - für alle Fälle. Kann ja sein, dass sie was finden, und ich dann heulend zusammenbreche. Macht sich nicht gut, wenn das Wartezimmer noch voll ist. Das ist aber nur eine Vermutung meinerseits, es muss nicht den Tatsachen entsprechen.
Jedenfalls zeigte mir der Radiologe die Aufnahme nicht, sondern sagte nur, es sei alles in Ordnung mit der Lunge und "man wird Ihnen helfen können". Die Praxismannschaft stand versammelt da und schaute mich an. Ich wünschte ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest und dankte ihnen. Man drückte mir den grünen Umschlag mit der Röntgenaufnahme in die Hand, und schon waren wir wieder draußen.
Auf dem Weg nach Hause dachte ich: wieso zeigte er mir die Aufnahme nicht, bevor er sie in den Umschlag legte? Ist vielleicht doch etwas an meiner Lunge, und sie wollten es mir nicht sagen, so kurz vor Weihnachten? Warum muss so etwas eigentlich zu Weihnachten passieren?
Zuhause packte ich die Aufnahme aus und schaute sie mir an. Ich fand nichts Besorgniserregendes. Ich traute mir durchaus zu, zu erkennen, wenn da etwas ist, was da nicht hingehört. Es war nichts außer einer wunderschönen Nichtraucherlunge, fand ich.
Inzwischen hatte ich Freundinnen von meiner Diagnose erzählt. Es gab Stimmen, die sagten, sie hätten sich nicht getraut, die Ergebnisse so kurz vor Weihnachten zu erfragen. Aber wie sollte ich die Feiertage überstehen mit dieser Ungewissheit? Dann lieber wissen, woran man ist, auch wenn es schlechte Nachrichten sind!
Ergebnis aus der Pathologie
eikesmom, Donnerstag, 22. Dezember 2005, 23:26
In den Tagen nach der Mammografie waren meine Gedanken nun nicht mehr bei beruflichen Belangen. Ich dachte nur noch ständig: was ist, wenn es Krebs ist?
Die Angst um den Arbeitsplatz und die Angst, keine neue Stelle zu finden, war plötzlich zweitrangig. Wichtiger war jetzt - ja, am wichtigsten sollte stets sein - meine Gesundheit. Wenn es denn Krebs sein sollte, muss ich doch mit all meiner Kraft dagegen kämpfen und alles tun, um wieder gesund zu werden. Vielleicht will mir mein Körper sagen, dass er nun auch mal dran ist. Vielleicht wollte er mir sagen, dass sich in meinem Leben einiges im Argen befindet. Dass sich etwas ändern muss. Aber was? War der Stress im Beruf zuviel? Sollte es vielleicht so sein, dass ich gleichzeitig meinen Arbeitsplatz verliere und krank werde, um mir die Augen zu öffnen, dafür, dass sich etwas ändern muss?
Die Wahrscheinlichkeit war nun nicht mehr so gering, dass es sich wirklich um Krebs handelt, und so begleitete mich mein Mann zu meinem Frauenarzt. Wir warteten nur wenige Minuten im Wartezimmer.
"Ich muss Ihnen leider sagen, dass es nicht so gut aussieht", sagte der Arzt vorsichtig. Noch bevor er dies aussprach, sah ich es in seinem Gesicht. Ich schaute ihn mit großen Augen an und konnte nichts sagen. Ich knetete meine Hände und schluckte nur ein paar Male. Er erklärte ein paar Fakten aus dem Brief des Pathologen, aber die Worte schienen durch mich hindurch zu gehen, ohne eine wirkliche Resonanz auszulösen. Ich erinnerte mich später nur noch an ein paar Stichworte wie "Hormonrezeptoren", "Gefäßbeeinträchtigung" oder so. Mein Mann stellte Fragen, und ich war dankbar dafür, dass er bei mir war, dass er ein Gespräch mit dem Arzt führte, während ich so sprachlos war. Nun, nach einer Weile stellte auch ich Fragen. Wie denn jetzt die Vorgehensweise sei. Wir beratschlagten, in welche Klinik ich gehen sollte. Mein Arzt griff zum Telefon und meldete mich im Krankenhaus an. Ich bekam einen Termin im neuen Jahr, am 4. Januar. Und dann sollte ich nochmal zum Radiologen, zum Röntgen der Lunge, weil die das im Krankenhaus brauchen. Später dachte ich, wozu brauchen die das denn? Ich hatte den EIndruck, er wollte nicht direkt deutlich sagen, dass man in der Lunge Metastasen finden könnte, bevor es nicht wirklich feststand. Aber als ich zuhause war, wurde mir schon klar, dass man die Lunge deshalb röntgt.
Ich bekam schon am nächsten Tag den Termin beim Radiologen - einen Tag vor Weihnachten.