Die ersten Ausflüge mit Perücke
eikesmom, Samstag, 18. März 2006, 00:05
Bisher fand ich es ja immer viel zu kalt am Kopf nur mit Perücke und habe immer die warme Mütze aufgesetzt. Und die dann auch immer aufbehalten, wenn ich irgendwo war. Im Cafe, im Wartezimmer des Arztes oder auch im Krankenhaus.
Gestern habe ich dann die Perücke aufgesetzt, und so Eike aus dem Kindergarten abgeholt. Ein ungewohntes Gefühl. Aber Eikes Erzieherin fand mich echt schick so. Als wir gerade zuhause waren, rief ein Mädchen aus Eikes Kindergarten an und wollte sich mit ihm verabreden. Und so hatten wir gestern ganz spontan Besuch von ihr. Da war es gut so, dass ich die Perücke hatte, wer weiß, was sie zu meiner Nickihaube gesagt hätte. Der Nachmittag gestern war richtig schön, die Kinder haben prima miteinander gespielt und ich konnte in Ruhe im Haushalt muckeln.
Heute habe ich den Aufräumwahn fortgesetzt - im Kinderzimmer. So einiges ist in die Mülltonne gewandert, und ich hoffe, dass Eike das nicht zu schnell bemerkt. Er hat es schlicht gar nicht gemerkt, dass sein Zimmer viel aufgeräumter aussieht. Ob er mitkriegt, dass seine Magnetangel - die inzwischen keinen Magnet mehr hat, weil rausgefallen und nicht mehr wiedergefunden - nicht mehr da ist? Oder die Spielzeugkasse, die gar nicht mehr aufging? Oder seine Sammlung von Strohhalmabschnitten in einer Glühlampenschachtel? Wenn ich ihn machen lasse, sammelt mein Sohn ALLES. Korken, Kronkorken, Büroklammern, Strohhalmabschnitte, leere Klopapierrollen, Eierpappen, alte Schachteln, leere Plastikflaschen... Und überall fliegt das Zeug rum!
Heute nachmittag war ich dann wieder mit Perücke unterwegs. Erst hatten wir ein Gespräch bei unserer Bank, was ich sehr gut fand, weil ich jetzt wieder Pläne machen und Simulationsrechnungen machen kann. Dann waren wir in der Eisdiele und haben trotz der Kälte draußen uns ein Eis gegönnt. Schön war das! Und dafür habe ich glatt das Abendbrot ausfallen lassen!
Eintönige Tage
eikesmom, Freitag, 17. März 2006, 00:04
Es passiert nichts Großartiges. Mir wird bewusst, dass ich die Tage so verdaddel - und bin unzufrieden, dass es so ist. Dabei liegt es an mir, ich könnte ja was unternehmen! Ich konzentriere mich auf Haushaltsarbeiten und freue mich dann daran, dass hinterher alles ein wenig sauberer und ordentlicher aussieht.
Ich habe Eikes Kleiderschrank ausgemistet, und ein Großteil der Sachen hat bereits Abnehmer gefunden *freu*. Eigentlich müsste ich mal mein Büro aufräumen...
Montag war ich zur Blutbildkontrolle, und eben habe ich endlich mal nach den Ergebnissen gefragt. Die Leukozyten sind leider wieder unter 2 - bei 1,45. Immerhin schon ein Hauch besser als nach der ersten Chemo. Und ich merke das auch an meiner Mundschleimhaut, die ist bisher nicht wund geworden, nur rauh. Ich müsste eigentlich viel mehr trinken, aber ich habe irgendwie nie Durst. Ich vergesse das Trinken regelmäßig. Und ich merke, welche Konsequenzen das hat: Kopfschmerzen, Antriebslosigkeit, harter Stuhl.
Eigentlich wollte mich meine Schwester diese Woche besuchen, aber sie schafft es nicht. Sie fliegt Montag nach Spanien in den Urlaub - seufz - am liebsten würde ich mitfliegen und dieser Kälte entfliehen! Dieser März geht als kältester März seit Ewigkeiten in die Geschichte ein.
Es schmeckt alles nach nix...
eikesmom, Donnerstag, 9. März 2006, 00:03
Seit einigen Tagen schmecke ich kaum was. Das Essen macht keinen Spaß mehr. Man weiß, man hat Hunger, der Magen knurrt. Und dann stellt man sich vor, was man sich denn Schönes kochen könnte, und wenn es dann fertig ist, isst man es lustlos auf. Es schmeckt nach nichts!
Die Geschmacksnerven sind momentan im Eimer. Kommt alles von der Chemo. Eine andere Patientin berichtete mir auch davon. Sie suchte händeringend nach neuen Teesorten. Alles verlorene Liebesmüh. Der Tee schmeckt wie heißes Wasser. Heute habe ich mal gezielt was ausprobiert. Gewürzgurken sind gut. Die schmecke ich. Und auch Wurst einfach so, das geht gerade noch. Thunfisch schmeckt nach nichts. Schokolade auch nicht. Da macht das Naschen auch keinen Spaß mehr!
Aber ich weiß ja, dass das vorübergeht. Wenn die Mundschleimhaut wieder schlecht wird, dann ist es vorbei :-(, aber vielleicht wird es ja diesmal nicht so schlimm, immerhin waren ja auch die ersten Tage diesmal nicht so schlimm. Kann ja auch mal besser werden!
Ich denk mir einfach immer, wenn ich was esse, wie es geschmeckt hat, als ich es schmecken konnte. Und versuche mich daran zu erinnern und es zu genießen. Welche andere Chance habe ich?
Zeit zum Leben
eikesmom, Montag, 6. März 2006, 00:02
Was ist Zeit?
Diese Frage beschäftigte mich schon als kleines Kind. Ich erinnere mich daran, dass ich damals als Vierjährige den Film "Die Zeitmaschine" nach H.G. Wells im Fernsehen gesehen habe. Es muss zu der Zeit gewesen sein, weil ich aufgrund des Films Angst vor diesem konisch zulaufenden Betoneinsätzen der runden Gullis hatte, die damals in der Nähe unseres Wohnhauses standen. Sie hatten soviel Ähnlichkeit mit den Eingängen zu den Morlocks in dem Film.
Aber habe ich das Wesen der Zeit verstanden? Damals? Heute? Wenn man drauf wartet, vergeht sie langsam. Und wenn man in etwas vertieft ist, vergeht sie wie im Fluge. Jeden Tag habe ich 86400 Sekunden Zeit zur Verfügung. Was fange ich damit an? Ich gebe zu, dass ich so manche Stunde einfach verdaddele. Aber es gab auch Zeiten in meinem Leben, da hätte ich mir eine Zeitmaschine gewünscht, mit der es mir möglich gewesen wäre, den Tag nochmal zu erleben und etwas anderes damit anzufangen. Ich habe gearbeitet, einen Haushalt geführt, und ein kleines Kind versorgt, und manchmal blieb das eine oder andere liegen, weil ich es einfach zeitlich nicht schaffte. Und weil das so war, gab es Frust. Ich fühlte mich unzulänglich. Denn im Grunde war es immer so, dass ich nie bei der Sache war, die ich gerade tat, sondern gedanklich schon bei dem nächsten Punkt auf der Tagesordnung.
Das Glück liegt im Augenblick. Im Jetzt. Wenn ich ganz im Jetzt bin, und nicht über die Vergangenheit nachgrübele und nicht an die Zukunft denke, dann bin ich glücklich. Es kann ein Moment sein, in dem man einen Specht im Garten sieht, der einen Stamm bearbeitet. Es kann das Lächeln eines Kindes sein. Das gemeinsame Spiel mit seinem Kind, und zwar ohne daran zu denken, dass da noch Bügelwäsche wartet. In dem Buch "Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück" findet man viel Nachdenkliches über das Glück zu lesen.
Wenn man Krebs hat, auch wenn ich nie das Gefühl hatte, dass diese Krankheit mein Leben verkürzt, denkt man wieder über die Zeit nach. Zeit zum Leben. Man fragt sich, wie hat man bisher die Zeit verbracht? War es gut so, oder sollte man etwas ändern? Ich denke schon, dass sich in meinem Leben vieles ändern wird. Ich weiß aber noch nicht, in welche Richtung das geht.
Krisen sind Angebote des Lebens, sich zu wandeln. Man braucht noch gar nicht zu wissen, was neu werden soll, man muss nur bereit und zuversichtlich sein.
Dieser Spruch steht auf einer Karte. Im Vordergrund ist eine Steinbrüstung, dahinter eine emporsteigende Treppe auf ein halb offenes schmiedeeisernes Tor. Und dahinter ist der Himmel.
Diese Karte hängt an der Wand neben meinem Bett, und jeden Morgen fällt mein Blick darauf.